Ossifizierung? Der Historiker Michael Wolffsohn nutzt markige Begriffe, um seinen Thesen Gehör zu verschaffen. CAMPUS hat sie hinterfragt und auch andere interessante Antworten bekommen. Das Interview führte Felix Springer.
SPRINGER: Sehr geehrter Herr Professor, warum ist es im Jahre 2011 noch wichtig, von ost- und westdeutschen Soldaten zu sprechen?
WOLFFSOHN: Meine Fragen (und Antworten) richten sich nicht nach “Ost-West”, sondern daran: Woher kommt in Deutschland der Bundeswehr-Nachwuchs? Wer kommt warum zur Bundeswehr? Hängen die Bereitschaft, zur Bundeswehr zu “gehen” und der deutsche Arbeitsmarkt zusammen? Gibt es regionale Unterschiede und wenn ja, welche? Wie ist die Bundeswehr gesellschaftlich verankert?
Wer diesen Fragen ausweicht, kann die Zukunft der Bundeswehr nicht gestalten, weil er keinen Nachwuchs findet.
Aber wirkt die Einführung und Verbreitung des doch sehr plakativen Begriffes der „Ossifizierung“ in diesem Sinne nicht negativ? Und beinhaltet dieser Begriff nicht eine gesellschaftspolitisch negative Beurteilung Ihrer statistischen Diagnosen?
Begriffe beschreiben Wirklichkeiten. Das ist ihre Funktion. Die Beschreibung der Wirklichkeit ist keine Bewertung. Es geht auch um Gerechtigkeit. Die müssen Ostdeutsche genau wie Westdeutsche bekommen. Der deutsche Arbeitsmarkt ist wie er ist, er ist, bezogen auf Ost und West, ungerecht.
Begriffe prägen aber auch unsere Wahrnehmung von Wirklichkeit. Macht dieser Begriff die öffentliche Debatte sachlicher?
Er führt zum Problem, und darum geht es.
Ostdeutsche Soldaten verfügen statistisch über ein signifikant höheres Bildungsniveau als ihre westdeutschen Kameraden. Steht dieser Befund nicht im Widerspruch zu Ihrer Aussage, die Bundeswehr sei im Begriff, durch „Ossifizierung“ zur „Unterschichten- und Prekariatsarmee“ zu werden?
Ihre Frage bezieht sich auf meine Artikel aus den Jahren 2009 und 2010, als mir das BMVg noch keine Daten über die Ausbildung zur Verfügung gestellt hatte; nur bezüglich der Herkunft. In dem Artikel, den Maximilian Beenisch und ich am 4. April 2011 in der „Welt“ veröffentlicht haben, konnten wir Herkunft und Ausbildung miteinander verbinden. Das Ost-West-Ergebnis hat sich in Bezug auf die relativen Zahlen der Herkunft nicht geändert. Die eigentliche Frage ist jedoch, ob qualifizierte Ostdeutsche auch weiterhin in größerer Zahl zur Bundeswehr kommen werden, wenn sich die wirtschaftlichen Lebensbedingungen in Ost und West einander angeglichen haben. Die Thematik der Prekariatsarmee wird somit in naher oder ferner Zukunft dann ein ernstes Problem werden, wenn es der Politik nicht gelingt, ideelle Anreize jenseits der ökonomischen zu schaffen. Dies gilt sowohl für West als auch Ost.
Wie könnten und sollten diese Anreize Ihrer Meinung nach aussehen?
Dass es eine Ehre ist, für dieses demokratische Gemeinwesen einzutreten. Dass die Sicherheit aller nicht zuletzt vom Einsatz der einzelnen Soldaten abhängt. Verdeutlichen, dass Soldatsein bedeutet, Verantwortung für und vor Menschen zu haben. Dass dies Anerkennung verdient. Die politische Führung muss sich eindeutiger vor die Soldaten stellen. Vorläufige Schuldvermutungen wie seinerzeit gegen Oberst Klein und Kapitän Schatz sind inakzeptabel. Wenn die Politik sich nicht mehr für die gesellschaftliche Achtung des Soldatenberufs einsetzt, wird sie den Wettkampf auf dem Arbeitsmarkt verlieren. Auf dem Gebiet der Familien- und Frauenfreundlichkeit hat die Bundeswehr, auch unsere Uni, so manches nachzuholen. Es ist ein Skandal, dass unsere Studentinnen ihre Kinder nicht automatisch in die örtliche Krippe geben können, obwohl diese auf dem Gelände unserer Uni ist. Ich hoffe, dass unsere Präsidentin sich dafür stark macht.
Sie sagen, dass für die ostdeutschen Kameraden wirtschaftliche Aspekte bei der Berufswahl eine größere Rolle spielen, als für die westdeutschen Soldaten. Warum sollte mit der ökonomischen Motivation des Einzelnen ein Mangel an staatsbürgerlicher Überzeugung einhergehen? Wo sehen Sie den zwingenden Zusammenhang?
Das sage ich gerade nicht. Ich prüfe die Zahlen, und deren Aussage ist eindeutig: Wo der zivile Arbeitsmarkt, wie besonders im Osten Deutschlands, weniger Chancen bietet, gehen mehr Menschen zur Bundeswehr. Die Zahlen sagen nichts über die Motivation, doch alles über die Situation.
Woher nehmen Sie die Gewissheit, dass nicht doch auch tradierte Mentalitätsunterschiede einen beachtenswerten Einfluss auf die personelle Zusammensetzung der deutschen Streitkräfte haben?
Über Mentalitätsunterschiede habe ich nicht spekuliert. Das können nur Demoskopen ermitteln. Ich bin keiner. Außerdem ist es empirisch nicht nur äußerst schwierig, sondern auch wissenschaftlich sehr gewagt, regionale Mentalitätsunterschiede eins zu eins mit dem Dienst in den Streitkräften in Verbindung zu bringen.
Trifft die Unterscheidung zwischen „Kämpfertyp“ in der „Infanteriearmee“ einerseits und „kultiviertem Staatsbürger“ in einer „Hochtechnologiearmee“ anderseits überhaupt die Wirklichkeit? Gehört das nicht alles zusammen?
Gegenfrage: Ist da nicht der Wunsch Vater des Gedanken?
Das mag sein, dennoch wird man sich von dem Anspruch einer professionellen Infanterie nicht entfernen können, ebenso wenig vom Bild des kämpfenden Staatsbürgers. Welches Verhältnis, welche Wechselwirkungen sehen Sie zwischen dem taktischen Wesen der Bundeswehr und der staatsbürgerlichen Überzeugung ihrer Soldaten?
In unserem Artikel vom 04. April haben Maximilian Beenisch und ich sehr deutlich auf die Notwendigkeit einer hoch technologisierten und professionellen Infanterie hingewiesen. Dass eine bestimmte Zahl an Kampfverbänden als theoretische Reserve für die Landesverteidigung aufrecht erhalten werden muss, ist sicherlich vollkommen richtig. Aber die Kampfeinsätze der Zukunft werden von kleineren, hochspezialisierten Kampfverbänden geführt werden. Dies hat die erfolgreiche Mission gegen Osama bin Laden bewiesen. Hier haben rund 30 Soldaten einer US-Spezialeinheit in 40 Minuten das geschafft, was zehntausenden US-Infanteristen in zehn Jahren in Afghanistan strategisch gar nicht gelingen konnte. Das Prinzip war schnell „rein“ und schnell wieder „raus“. Somit ist also Klasse wichtiger als Masse. Dies erfordert vor allem ein hohes (Aus-)Bildungsniveau der Soldaten und technisch hervorragendes Material. In Zeiten knapper Kassen und geringer Bewerberzahlen wird die Bundeswehr sich entweder für Quantität oder Qualität entscheiden müssen. Beides zwanghaft vereinen zu wollen, würde die Quadratur des Kreises bedeuten. Deshalb befürworte ich die Hochtechnologieoption.
Eine Hochtechnologiearmee benötigt also auch für die Infanterie im besonderen Maße den „Staatsbürger in Uniform“, der aus demokratischer und patriotischer Überzeugung sowie rationaler Notwendigkeit heraus sich dem Kampfeinsatz stellt. Der zackige Kämpfertypus, der den Krieg als freudiges Abenteuer sieht, wird zwangsweise zu dessen Brutalisierung beitragen. Wenn man aus Personalmangel versucht, gezielt diesen Kämpfer- und Abenteurertypus aus der Schicht der Geringstqualifizierten zu werben, wird man das Ethos der Bundeswehr von innen her aushöhlen. Man kann dann vielleicht seine Reihen personell schließen, wird jedoch zwangsläufig die Armee unserer demokratischen Gesellschaft entfremden.
Die Armee habe nie Geistesgiganten angezogen, sagen Sie. Ist das nicht eine etwas gewagte Aussage in einem Land, das immerhin einen Scharnhorst, Gneisenau, Clausewitz, die von Moltkes, die Jüngers, Yorck von Wartenburgs und von Stauffenbergs vorzeigen kann, um nur einige zu nennen?
Auch das habe ich nicht gesagt, weil ich weiß, dass gute Militärs (nicht nur in Deutschland) kluge und ethisch hochstehende Menschen sein müssen. Meine „Formel“ dazu heißt: „Lyriker gehen selten zur Armee.“ Das ist wohl unbestreitbar. Meine Studenten wissen seit 30 Jahren: Es gibt kaum einen glühenderen Clausewitz—Verehrer als mich.
Durch die derzeit noch geringeren Möglichkeiten auf dem zivilen Arbeitsmarkt gehen mehr Ost- als Westdeutsche zur Bundeswehr, insbesondere auch gut Ausgebildete. Außerdem: Bei den Mannschaften kommen immer mehr Unter- als Oberschichten zu jeder Streitkraft, zumal die Unteroffiziers- und Offizierslaufbahn für die Mittel- und Oberschichten sowie die Hochqualifizierten naturgemäß deutlich attraktiver ist. Das wissen wir aus der Erfahrung im Ausland – und der Geschichte. Genau diese Mechanik hebelt(e) die Allgemeinheit der Allgemeinen Wehrpflicht aus.
Dann droht die Prekariarisierung der Bundeswehr also vor allem bei den Mannschaften?
Auch hier bieten die statistischen Daten eine einfache Antwort. Derzeit verfügt die Bundeswehr über rund 40.000 Mannschaftszeitsoldaten. Für eine Berufsarmee von 175.000 Mann wären rund 70.000-80.000 Mannschaftsoldaten auf Zeit erforderlich, um die Funktionalität der Streitkräfte gewährleisten zu können. Die Bundeswehr muss also ihr Mannschaftspersonal massiv aufstocken. Die Zahl der Unteroffiziere und Offiziere hingegen dürfte von derzeit 148.000 auf 90.000-100.000 Mann fallen. D.h. hier wird Personal abgebaut und weniger Nachwuchs benötigt. Die Prekarisierung wird also in erster Linie die Bereiche treffen, wo erheblich Personal angeworben und nicht abgebaut wird.
Die Rekrutierung von Frauen habe einen humanisierenden Effekt auf die Bundeswehr, schrieben Sie neulich in der WELT. Wie äußert sich dieser Effekt und welchen Kampfwert hat er?
Im weniger rauen Ton und Stil.
Warum sollte die Verweichlichung von Ton und Stil für eine Armee im Krieg von Vorteil sein?
Humanisierung ist keine Verweichlichung. Es geht nicht darum, die Ausbildung physisch und psychisch zu verweichlichen, sondern die Frauen als soziales und kommunikatives Korrektiv in den Streitkräften zu nutzen. Die raueren Umgangsformen einer Männergesellschaft, wie die Bundeswehr es bis 2001 war, führen zu einem raueren Umgangston und Verhalten. Es besteht kein Grund diesen Ton und Stil als Selbstzweck zu kultivieren. Ich bin kein Strauss‑Kahn, aber: Wo Frauen sind, benehmen sich Männer besser und ist das Leben schöner. Psst, nicht verraten: Es fällt mir auf, dass die Leistungen der Studentinnen oft besser als die der Studenten sind. Gilt die Prämisse der Hochtechnologiearmee, sind die besseren StudentINNEN von heute die besseren OffizierINNEN von morgen.
Gibt es historische oder gegenwärtige Beispiele für eine Armee, die durch den Einsatz von Frauen im Gefecht „humanisiert“ worden ist?
In Kampfeinheiten fand und findet man Frauen eher selten; sogar in Israel.
Aber in den aktuellen Einsätzen der Bundeswehr sind die Grenzen zwischen „kämpfender Truppe“ und Unterstützern teilweise bereits radikal verwischt. Ist das nicht Grund genug, den Einsatz von Frauen an der Waffe und im Gefecht zu überdenken?
Seltener bedeutet nicht, dass Frauen nicht an Kampfeinsätzen teilnehmen und sich nicht darin bewähren würden. Der Einsatz von Frauen müsste dann überdacht werden, wenn Frauen generell physisch und psychisch den Kampfeinsätzen nicht standhalten könnten. Dies ist jedoch zu bezweifeln.
Meinen Sie, dass die Bundeswehr eine „Humanisierung“ in Ihrem Sinne nötig hat?
Die Bundeswehr ist, wie unser Staat, gottlob human. Schwarze Schafe gibt es überall und immer.
Bei Anne Will beschwerten Sie sich neulich über die Fachsimpelei der „Sesselstrategen“ in Politik und Medien. Welche Defizite sehen Sie in der gegenwärtigen militär- und sicherheitspolitischen Diskussion in Deutschland?
Desinteresse führt zu Ahnungslosigkeit. Die Mehrheit der Deutschen verdrängt die Notwendigkeit, sich mit Sicherheitspolitik auseinanderzusetzen. Das gilt auch für Politik und Medien. Diesen Luxus können wir uns nicht mehr erlauben.